Wer heute nur heimische Bäume pflanzt, plant nicht zukunftsorientiert.
Das städtische Klima wird immer extremer: begrenzter Wurzelraum, Hitzestress, langanhaltende Dürre, Starkregen, Überschwemmungen und Luftverschmutzung. Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr zeitgemäß, Bäume in erster Linie nach ihrem Erscheinungsbild auszuwählen. Zukunftsfähige Stadtbäume müssen in erster Linie städtischen Stress vertragen können. Erst danach kommen Kriterien wie Form, Farbe oder das jahreszeitliche Erscheinungsbild.
Die Klimaänderung erfordert neue Prioritäten: erst die Eignung, dann das Aussehen. Denn nur vitale Bäume erbringen strukturelle Vorteile für das Ökosystem: Kühlung, Wasserspeicherung, CO₂-Speicherung, Luftreinigung und Erhalt der Artenvielfalt.
Ein zukunftsfähiges Sortiment ruht auf drei Säulen: der richtige Baum am richtigen Ort, Robustheit und Vielfalt.
1. Der richtige Baum am richtigen Ort
Jede erfolgreiche Pflanzung beginnt mit einer gründlichen Analyse des Wurzelraums. Bodenaufbau, durchwurzelbares Volumen, Bodendichte, Wasserhaushalt, Salzbelastung, Luftqualität, Wind und Sonnenstrahlung bestimmen die Möglichkeiten.
Ein Baum kann noch so trockenheitstolerant sein – ohne ausreichenden Wurzelraum oder bei struktureller Staunässe wird er niemals optimal gedeihen. Ein zukunftsbeständiger Stadtbaum behält auch bei langanhaltendem Stress seine Vitalität. Nur dann kann er weiterwachsen und dauerhaft zur Klimaanpassung beitragen. Die Artenwahl muss sich also aus dem Standort ergeben. Standardmäßige Sortimentslisten oder nostalgische Vorlieben sind nicht mehr zeitgemäß.
2. Robustheit unter extremen Bedingungen
Stadtbäume sind mit Boden- und Lufttrockenheit, Hitzestress, Reflexionsstrahlung von Fassaden und Bodendichte, Starkregen, Überschwemmungen, Streusalz und Frost konfrontiert. Trockenheitstoleranz und Hitzebeständigkeit sind äußerst wichtig. Aber auch die Fähigkeit, bei niedriger Luftfeuchtigkeit und hohen Oberflächentemperaturen zu gedeihen, ist ein wichtiger Faktor.
Untersuchungen im Rahmen des Projekts „CSI Trees – Future Proof Trees“ (CSI Bäume – zukunftsfähige Bäume) von Wageningen University & Research zeigen, dass Blattverbrennungen trotz ausreichender Bodenfeuchtigkeit auftreten können. Atmosphärische Trockenheit ist damit ein unterschätzter Faktor bei der städtischen Baumplanung.
3. Vielfalt als Risikominderung
Das zukünftige Klima ist ungewiss. Ein breites Sortiment an Arten und Gattungen verringert Risiken, erhöht die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Schädlinge und verhindert großflächige Ausfälle. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen reinem Überleben und dem Wert für die Umgebung. Ein Baum, der gerade noch vital genug bleibt, um zu existieren, bietet nur einen begrenzten Mehrwert. Eine kleinere Anzahl an Bäumen, die optimal wachsen, ist wertvoller als viele Bäume, die strukturell unter Druck stehen. Qualität muss in nachhaltigen städtischen Grünflächen über Quantität stehen.
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Dabei ist der Wurzelraum oft ausschlaggebend für die Qualität: Je größer der verfügbare Wurzelraum, desto gesünder kann ein Baum alter werden.
Die Diskussion über heimisch versus nicht-heimisch wird oft ideologisch geführt. Heimische Arten sind ökologisch wertvoll, aber der Klimawandel erfordert Pragmatismus.
Nach Untersuchungen von Wageningen University & Research verschieben sich Klimazonen pro Grad Erwärmung um etwa 160 Kilometer (Quelle: Marc Ravesloot, Lucas Hulsman, Bert Heusinkveld, Gert-Jan Steeneveld, 2023: Verschiebt sich die Winterhärtezone in den Niederlanden bis 2085 um vier Stufen nach oben? Tuin en Landschap, 14/15, S. 8–11). Bei einer Erwärmung von 3 bis 4 Grad bedeutet das eine Verschiebung um Hunderte von Kilometern. Gehölzarten wandern von Natur aus nur 10 bis wenige 100 Meter pro Jahr. Es ist also keine realistische Strategie, wenn man darauf wartet, dass geeignete Arten „von selbst“ ankommen. Wer Klimaänderung ernst nimmt, muss bei der Migration etwas nachhelfen. In stark versiegelten städtischen Umgebungen sind die Bedingungen schon jetzt „südlicher“ als unser historisches Klima.
Es ist daher logisch, das Sortiment schrittweise zu erweitern und neben heimischen Arten auch exotische Bäume zu pflanzen. Arten aus Süd- und Mitteleuropa stehen unserer Flora ökologisch näher, sind aber besser an wärmere und trockenere Sommer angepasst. Eichen wie Quercus frainetto und Quercus cerris zeigen eine starke Trockenheitstoleranz. Quercus pubescens begrenzt die Verdunstung durch behaarte Blätter und ist optisch kaum von Quercus robur zu unterscheiden. Innerhalb der Acer-Gattung gilt Acer monspessulanum als sehr hitze- und trockenheitstolerant, genau wie Acer opalus und Acer tataricum.
Arten, die während des Tertiärs von Europa in Refugien rund um das Mittelmeer und die kaspische Region auswichen – z.B. Acer cappadocicum, Parrotia persica, Liquidambar orientalis, Zelkova carpinifolia und Quercus castaneifolia – haben sich unter wärmeren Bedingungen entwickelt und sind sehr widerstandsfähig gegen Hitze und Trockenheit. Sie sind keine exotischen Kuriositäten, sondern strategische Klimabäume.
Viele Arten aus Asien und Nordamerika sind bereits seit Jahrhunderten in Europa in Kultur und haben sich in Städten und Gärten als robust und wuchsstark erwiesen. Sie stammen oft aus Gebieten mit warmen Sommern, kalten Wintern und großen Temperaturunterschieden – also Bedingungen, die dem städtischen Klima in Nordwesteuropa immer ähnlicher werden. Auch Gattungen wie Zelkova und Celtis sind bekannt für ihre Toleranz gegenüber Hitze, Trockenheit und Bodendichte.
Unter den Eichen befinden sich robuste Bäume wie Quercus acutissima aus Ostasien und Quercus imbricaria aus Nordamerika, die bei hohen Temperaturen und begrenztem Wurzelraum vital bleiben. Innerhalb der Ahorne zeigen Acer buergerianum und Kreuzungen wie Acer × freemanii Wuchskraft und Klimatoleranz.
Und innerhalb der Ulmaceae führen Kreuzungen zwischen europäischen, asiatischen und amerikanischen Ulmen zu robusten und krankheitsresistenten Bäumen. Diese genetische Erweiterung gibt modernen Ulmen eine besondere Eignung für städtische Bereiche. Weniger gebräuchlich, aber vielversprechend ist Eucommia ulmoides, die sich durch ihre Anpassungsfähigkeit auszeichnet.
Arten wie Gleditsia triacanthos und Gymnocladus dioicus aus Nordamerika sowie Styphnolobium japonicum und Phellodendron amurense aus Asien kombinieren transparente Kronen mit Trockenheits- und Hitzetoleranz. Das macht sie besonders geeignet für versiegelte Plätze und Straßen, wo Lichteinfall und Klimarobustheit wichtig sind.
Die Kernfrage ist letztlich nicht, woher ein Baum stammt, sondern wie gut er gedeiht. In einer sich schnell erwärmenden Stadt ist die Herkunft kein Selbstzweck, sondern eine Strategie. Wer strikt am historischen Sortiment festhält, riskiert steigende Ausfälle und geringere Ökosystemleistungen. Wer hingegen gezielt auf Herkunft, Klimazonen und Mehrwert achtet, pflanzt in Städten robuste, vielfältige und zukunftsfähige Bäume. Die Auswahl der Bäume beginnt nicht beim Sortiment, sondern beim Standort. Analysieren Sie Bodenaufbau, durchwurzelbares Volumen, Versiegelungsgrad, Wasserhaushalt, Luftqualität, Salzbelastung und Sonnenstrahlung.
Die Artenwahl wird durch den Wurzelraum bestimmt und basiert auf erwiesenen Leistungen unter vergleichbaren Bedingungen. Digitale Tools wie TreeEbb sind beim Filtern nach Klimatoleranz und Standortfaktoren eine große Hilfe.
Arbeiten Sie auch immer mit Sortimentskennern wie Baumschulen, Dendrologen und Pflanzberatern zusammen. Planer bestimmen zwar die räumlichen und ästhetischen Rahmenbedingungen, aber ein zukunftsfähiger städtischer Baumbestand erfordert Fachwissen. Nur so entsteht eine robuste, vielfältige und funktionierende Stadtbaumstruktur, die den Klimaherausforderungen der kommenden Jahrzehnte standhält.