Malmö als Vorbildstadt für städtisches Grün
Von der Industriehafenstadt zur internationalen Vorbildstadt für städtisches Grün. Ende Mai 2026 ist Malmö Gastgeberstadt des European Forum on Urban Forestry (EFUF), Europas wichtigster Veranstaltung zu Bäumen und Begrünung in Städten. Das ist kein Zufall. Wenige Städte haben in den vergangenen Jahrzehnten so konsequent an einer grünen Zukunft gearbeitet wie Malmö.
Wer durch Malmö spaziert, merkt sofort, dass hier etwas Besonderes passiert. Bäume, die man normalerweise vor allem in Arboreten antrifft, stehen hier ganz selbstverständlich in Straßen, auf Plätzen und in Parks. Patrick Bellan, Landschaftsarchitekt und Baumspezialist bei der Stadt Malmö, berichtete kürzlich auf inspirierende Weise über den einzigartigen Ansatz der Stadt in den Bereichen Biodiversität, Baumpflege und klimarobuste Begrünung.
Patrick Bellan während seines Vortrags auf dem Symposium „Tree Selection“.
Warum Malmö auffällt
Während viele Städte Begrünung noch als einzelne Projekte betrachten, behandelt Malmö Grün als strukturellen Bestandteil der Stadt. Bäume sind dort keine Dekoration, sondern Infrastruktur. Genauso relevant wie Straßen, Wasser und Mobilität. Sie sorgen für Kühlung, fangen Regenwasser auf, verbessern die Luftqualität und machen Quartiere attraktiver und gesünder.
Das zeigt sich in der Art und Weise, wie Malmö Ziele setzt. Die Stadt war eine der ersten europäischen Kommunen, die die inzwischen bekannte 3-30-300-Regel übernahm:
- von jeder Wohnung aus Sicht auf 3 Bäume
- Streben nach 30 % Baumkronenbeschirmung
- maximal 300 Meter bis zum öffentlichen Grün

Baumkronenbedeckung pro Stadtblock. Bild: Patrick Bellan
Messen statt reden
Was Malmö stark macht, ist, dass Begrünung auch wirklich messbar gemacht wird. Im Juli 2024 wurde die gesamte Baumkronenbeschirmung gemessen: 15,6 %. Noch keine 30 %, aber mit rund 13,8 Millionen m² Kronenfläche immerhin etwa auf halbem Weg zu diesem Ziel.
Die Zahlen werden zudem nach Stadtvierteln aufgeschlüsselt. Einige Quartiere erreichen über 30 %, andere liegen unter 5 %. Damit wird sichtbar, wo Bewohner verhältnismäßig wenig Schatten, wenige Bäume und wenig Zugang zu Grün haben. Grünpolitik wird so auch Gerechtigkeitspolitik: Investieren dort, wo der Bedarf am größten ist.
Etwa 30 %. Bild: Patrick Bellan
Grönare Möllan: Begrünung dort, wo es schwierig ist
Das zeigt sich eindrücklich in Grönare Möllan, einem Projekt im dichten und multikulturellen Stadtviertel Möllevången. Kein weitläufiges Erweiterungsgebiet mit breiten Grünstreifen, sondern ein dicht bebautes Stadtviertel, in dem jeder Quadratmeter bereits genutzt wird.
Genau dort investiert Malmö in neue Bäume, Regenwasserlösungen und bessere Standorte, indem der begrenzte Raum clever genutzt wird. Mit dem Pflanzen von 150 Klimabäumen stieg die Baumkronenbeschirmung in Möllevången von 8 % auf 12 %.
Solche Projekte sind vielleicht noch relevanter als große Stadtparks. Der größte Gewinn liegt oft in der alltäglichen Straße: dort, wo Bewohner laufen, Rad fahren, warten und sich aufhalten.

Geführte Baumwanderung in Grönare Möllan. Foto: Patrick Bellan
Die Lehre der Ulmenkrankheit
Ein weiterer Aspekt von Malmös vorausschauender Baumpolitik entstand nicht aus Luxe, sondern aus Notwendigkeit. In den achtziger Jahren verlor die Stadt mehr als 33.000 Bäume durch die Ulmenkrankheit. Ein Viertel aller Straßenbäume verschwand. Damals wurde deutlich, wie anfällig ein einseitiger Baumbestand ist.
Seitdem setzt Malmö bewusst auf Vielfalt, und bereits seit 2000 mit der 10-20-30-Regel. Keine Art soll zu dominant werden. Inzwischen zählt die Stadt mehr als 900 Arten und Kultivare. Allein innerhalb der Gattung Quercus sind mehr als 100 Varianten vorhanden. Dadurch ist Malmö nicht nur grüner, sondern auch widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel, Schädlingen und Krankheiten geworden.
Malmö hat kein Arboretum — die Stadt ist ein Arboretum. In sogenannten Arboretum-Alleen sind Arten bewusst gemischt. Patrick Bellan sagte dazu treffend: „Wenn man in Malmö abgesetzt wird, muss man an der Vegetation erkennen können, wo man ist.“

Beispiel für einen Querschnitt und Entwurf einer Arboretum-Allee. Bild: Patrick Bellan
Ein Baum im Park ist etwas anderes als ein Baum auf der Straße
Malmö untersucht aktiv, welche Arten an welchem Standort gut gedeihen, und verfügt dafür über eine umfangreiche Datenbank. Manche Arten gedeihen besser in Parkmilieus, andere können ausgezeichnet mit Versiegelung, Hitze und urbanem Stress umgehen.
Das klingt logisch, aber in der Praxis wird die Baumpolitik noch oft generisch betrachtet. Malmö zeigt, dass ein klügerer Blick auf den Standort mindestens genauso wichtig ist wie das Pflanzen von mehr Bäumen.
Interessant dabei ist auch die Klimaperspektive. Das Makroklima Schwedens scheint nicht immer für alle Arten geeignet, aber das wärmere städtische Mikroklima von Malmö oft schon — und wahrscheinlich zunehmend mehr.
In versiegelten städtischen Räumen verwendet Malmö rund 300 Arten und Kultivare, in Parks und Grünflächen sogar mehr als 800.

Die häufigsten Baumarten nach Standort. Bild: Patrick Bellan
Die Infrastruktur hinter dem Grün
Was Malmö außerdem auszeichnet, ist die solide technische Grundlage hinter der Grünpolitik. Die Stadt verfügt über eine umfangreiche Artenliste für versiegelte Standorte mit mehr als 400 Taxa, einschließlich Informationen zu Trockenheitstoleranz, Standort, Größe und Verfügbarkeit.
Neue Standorte müssen mindestens 30 m³ Wurzelvolumen bieten. Biokohle wird standardmäßig eingesetzt. Darüber hinaus gibt es technische Standards und Detailzeichnungen für verschiedene Pflanzstandorttypen.
All dieses Wissen wird von der Trädgruppen koordiniert: einer internen Baumarbeitsgruppe mit rund 40 Mitarbeitern aus verschiedenen Gemeindeabteilungen. Sie arbeiten in drei Ausschüssen an technischen Richtlinien, Baumplänen und Öffentlichkeitsarbeit.
Das ist vielleicht der am wenigsten sichtbare, aber wichtigste Bestandteil von Malmös Erfolg: ein starkes internes Netzwerk, das Wissen sichert und kontinuierlich weiterentwickelt.

Arboretumallee. Bild: Apelöga
Grün auch sichtbar machen
Ein Teil der Arbeit wird bewusst sichtbar gemacht. Über soziale Medien teilt Malmö Neuigkeiten über neue Bäume, besondere Arten und blühende Bäume. Die Stadt veranstaltet auch jährlich den Trädmaraton: einen Spaziergang entlang bemerkenswerter Bäume, bei dem Bewohner mehr über das städtische Grün erfahren.
So wird Baumpolitik nicht nur technisch, sondern auch kulturell und gesellschaftlich getragen.
Smart Greening in Nyhamnen: Living Lab auf altem Hafengelände
Noch ambitionierter ist, was Malmö in Nyhamnen macht, einem ehemaligen Fähr- und Hafengebiet direkt am Wasser. Hier entsteht ein neues Stadtviertel, in dem Grün von Anfang an als tragende Struktur eingesetzt wird. Da traditionelle Bepflanzung im belasteten und harten Untergrund schwierig ist, setzt Malmö auf intelligente und zirkuläre Lösungen mit modularen Pflanzensystemen, wiederverwendeten Materialien und flexiblen Standorten.
Das Projekt fungiert zudem als Living Lab im Rahmen des europäischen ARCADIA-Programms, in dem untersucht wird, wie Baumarten in verschiedenen Substraten mit Hitze, Wind und städtischen Bedingungen umgehen, während Bewohner aktiv in Planung und Pflege einbezogen werden.
Warum Malmö für andere Städte relevant ist
Viele europäische Städte ringen mit denselben Fragen: Hitze, Verdichtung, Überschwemmungen und Gesundheit. Malmö zeigt, dass Bäume dabei keine Nebensache sind, sondern Teil der Lösung.
Die Lehren sind klar:
- mit messbaren Zielen arbeiten
- auf Vielfalt setzen – die Stadt als Arboretum
- zwischen Standorttypen unterscheiden
- gebietsspezifische Daten nutzen, um Prioritäten zu setzen
- jede Neugestaltung als Begrünungsgelegenheit nutzen, nicht nur dekorativ, sondern als Infrastruktur
European Forum on Urban Forestry 2026
Das 28. European Forum on Urban Forestry findet in diesem Jahr in der Stadt statt, die es selbst vorgelebt hat: Malmö. Fachleute, Entscheidungsträger und Forschende aus ganz Europa kommen zusammen, um über Vielfalt in der städtischen Begrünung zu sprechen. Das Forum wird mitorganisiert von der Stadt Malmö und Tradkontoret (Das Baumamt).
Thema: "Diversity in Urban Forestry — Bringing People, Trees and Ideas Together"
Datum: 26.–29. Mai 2026
Website: efuf.org
